20.03.2013

100 Millionen Euro zusätzlicher Investitionsbedarf für die Stromnetze in Südhessen

Energiewende findet vor allem dezentral statt

DARMSTADT (leu) – Rund 100 Millionen Euro muss die HSE-Tochtergesellschaft, Verteilnetzbetreiber (VNB) Rhein-Main-Neckar, bis 2030 zusätzlich investieren, um die Stromnetze in Südhessen fit für die Energiewende zu machen. Diese Anforderungen aus der Energiewende werden in der Regulierung der Netze durch die Bundesnetzagentur bisher nur unzureichend berücksichtigt. Dort liegt das Augenmerk auf den bestehenden Netzen und auf einer Absenkung der Netzerlöse. Die Folge: Trotz neuer Aufgaben liegen die von der Bundesnetzagentur genehmigten Netzerlöse aktuell um etwa 30 Prozent niedriger als im Jahr 2005.

„Alle Welt redet von den über 3.000 Kilometern Hochspannungsleitungen, die zu bauen sind. Dabei wird völlig vergessen, dass 90 Prozent der Investitionen in den regionalen Verteilnetzen anfallen. Die Verteilnetze sind das Rückrat der Energiewende, ohne Verteilnetze gibt es keine Energiewende. Dies sollte die Politik endlich zur Kenntnis nehmen“, betont Andreas Niedermaier, Vorstand der HSE, bei einem energiewirtschaftlichen Vortrag vor Darmstädter Politikern am Dienstag (19.3.).

Der Grund für den hohen Investitionsbedarf auf der lokalen Netzebene: 97 Prozent der Ökostromanlagen werden nicht an die Höchstspannungs-, sondern an die Verteilnetze angeschlossen. Diese sind aber nicht für die neuen Herausforderungen ausgelegt. Fakt ist: Die Energiewende stellt die bisherige Architektur der Stromnetze auf den Kopf. In der Vergangenheit wurde der Strom von den Großkraftwerken über die Höchstspannungs- und Verteilnetze zu den Kunden transportiert. Mit dem forcierten Ausbau der er-neuerbaren Energien dreht sich dieser Weg oftmals um. „Um die Energiemengen z. B. von Windparks auf den Höhenzügen des Odenwaldes aufzunehmen, müssen die Verteilnetze um- und ausgebaut werden. Wir brauchen neue Leitungen und neue Betriebsmittel“, beschreibt Dr.-Ing. Ulrich Groß, Geschäftsführer des VNB, die Herausforderung. Im Netzgebiet des VNB gibt es derzeit 15 Windkraftanlagen mit einer Gesamtleistung von knapp 25 Megawatt – Tendenz sehr stark ansteigend, wie z. B. der Flächennutzungsplan der Odenwaldkreis-Gemeinden zeigt.

„Wo früher eine einfache Landstraße ausreichte, brauchen wir heute eine vierspurige Bundesstraße“, macht Groß die Lage anschaulich. Auch der Erfolg der Solarenergie macht neue Investitionen notwendig. Ende 2012 waren im Netzgebiet des VNB rund 8.600 Photovoltaikanlagen mit einer Gesamtleistung von 118 Megawatt in Betrieb. Seit 2005 hat sich die installierte Leistung  der Photovoltaik im Netzgebiet des VNB mehr als verzehnfacht. „Daher stoßen wir trotz unseres auch in ländlichen Regionen sehr gut ausgebauten Netzes inzwischen in einzelnen Netzbereichen an Kapazitätsgrenzen“, erläutert der Netzspezialist. 

Der HSE-Konzern steht voll hinter der Energiewende, Andreas Niedermaier sieht aber in der praktischen Ausgestaltung Probleme für sein Unternehmen: „Wir müssen heute bereits für die Herausforderungen der Energiewende investieren. Den Kapitalrückfluss dafür erhalten wir jedoch von der Bundesnetzagentur frühestens in der nächsten Berechnungsperiode ab 2019. Und auch die Höhe der Rückerstattung ist völlig offen. Wir müssen also erheblich in Vorleistung gehen und das belastet uns finanziell“, so der HSE-Vorstand. 

Um die anstehenden Aufgaben stemmen zu können, hat das Unternehmen unter dem Titel ‚Zukunft der Netze’ ein Effizienzprogramm aufgelegt. Erklärtes Ziel ist, bis 2017 ist ein jährliches Einsparvolumen von 25 Millionen Euro zu realisieren. Entwarnung kann der HSE-Vorstand aber nicht geben: „Trotz dieser großen Einsparbemühungen können wir den erhöhten Investitionsbedarf in eine neue Netzinfrastruktur nicht kompensieren. Wie alle anderen Netzbetreiber auch, brauchen wir hierfür schlichtweg eine politische Lösung.“

Die Finanzierung des notwendigen Netzumbaus ist jedoch nicht das einzige Problem, das den Netzbetreiber beschäftigt. Das zweite Sorgenkind ist die mangelnde Koordination der Planungsprozesse. Da in Südhessen der Regionalplan Wind noch nicht rechtskräftig ist und daher noch Flächennutzungs- und Bebauungspläne fehlen, ist eine vorausschauende Netzoptimierung zur Aufnahme des Windstromes nicht möglich ist.  „Wir haben keine Planungssicherheit und können nur reagieren. Wir brauchen einen ‚Masterplan Windkraft’, bei dem wir als Netzbetreiber frühzeitig in die Planungen einbezogen werden. Notwendig dabei ist, dass für alle Beteiligten verlässlich festgelegt wird, wo und wann welche Windkraftanlagen gebaut werden. Nur so können wir den Netzausbau volkswirtschaftlich optimal gestalten“, erläutert Groß.

Der VNB ist für ein rund 10.000 Kilometer langes Strom- und 2.700 Kilometer langes Erdgasnetz in Südhessen verantwortlich. Pro Jahr investiert das Unternehmen zwischen 40 und 50 Millionen Euro in den Ausbau und die Instandhaltung der Versorgungsnetze. Davon fließen alleine 10 bis 15 Millionen Euro jährlich in neue Stromleitungen. Die kontinuierlichen Investitionen tragen deutliche Früchte: Der VNB hat eines der zuverlässigsten Stromnetzen in Deutschland. Die durchschnittliche Stromausfallzeit pro Jahr beträgt in Frankreich 95 Minuten pro Kunde. Der Durchschnitt in Deutschland liegt bei 15,3 Minuten; im Netzgebiet des VNB sind es nur 11 Minuten.


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